"Ich weiß, dass meine Angst irrational ist und warum verschwindet sie trotzdem nicht?"
Diesen Satz höre ich häufiger in meiner Praxis. Und ich habe ihn in meinem Leben auch schon selbst in mir hören können. Vielleicht gehörst du auch dazu. Vielleicht hast du bereits einen langen Weg hinter dir und erkennst mittlerweile recht schnell, wann die Angst sich zeigt und wie sie sich anfühlt. Vielleicht weißt du durch tiefe Erfahrungen, vielleicht auch durch eine Therapie, inzwischen sogar, warum du diese Angst hast und warum sie immer wieder anklopft. Vielleicht weißt du ganz genau, wann sie kommt, warum sie kommt, wie lange sie bleibt und wie sie sich anfühlen wird. Vielleicht erwartest du sie sogar schon. Oder sie kommt wie aus dem Nichts – wenn du gerade auf dem Sofa liegst und eigentlich zu Hause zur Ruhe kommen möchtest.
Ganz unterschiedliche Szenarien. Und doch haben sie vermutlich eines gemeinsam: Sie sind unangenehm. Und im besten Fall sollen sie so nie wieder auftauchen. Dieser Wunsch steckt – verständlicherweise – häufig hinter dem Satz: „Ich habe doch alles verstanden. Ich weiß, dass ich eigentlich keine Angst haben müsste. Und trotzdem ist sie da.“ Wie ein ungeliebter Gast.
Okay. Schauen wir uns das einmal genauer an.
Du weißt es längst – und trotzdem ist die Angst da
Wenn die Angst gerade sehr präsent ist und das Steuer übernimmt, kannst du dir das ungefähr so vorstellen: Stell dir ein wunderschönes Wohnzimmer vor. In diesem Wohnzimmer gibt es verschiedene Plätze für verschiedene Anteile von dir.
Wir alle bestehen – vereinfacht gesagt – aus unterschiedlichen Anteilen. Da gibt es vielleicht einen mutigen Anteil. Einen, der Angst empfindet. Einen, der Leichtigkeit und Freude kennt. Es gibt Anteile, die bestimmte Kompetenzen haben. Und dann gibt es auch die kompetente erwachsene Person. Also dich heute. Mit all deinen Erfahrungen, Fähigkeiten und Ressourcen, auf die du normalerweise zugreifen kannst.
Okay – sind wir uns einig, dass davon manchmal nicht mehr besonders viel übrig bleibt, wenn die Angst das Ruder übernimmt?
Wenn die Angst das Steuer übernimmt
Stell dir vor, wie dieser kompetente Erwachsene von der Couch geschubst wird und plötzlich ein ängstlicher Anteil die Bühne übernimmt. Er setzt sich auf die Couch und übernimmt die Führung. Und jetzt stell dir einmal vor, wie du – als kompetenter Erwachsener – von der Seite zu diesem Anteil sagst: „Hey du. Du brauchst keine Angst zu haben. Vor dem, wovor du gerade Angst hast, passiert dir doch gar nichts. Kein Problem. Also husch vom Sofa und weg mit dir.“
Funktioniert nicht. Zumindest selten.
Warum?
Weil der ängstliche Anteil auf dem Sofa dieser rationalen Argumentation gar nicht unbedingt folgen kann. Er braucht etwas anderes.
Das bedeutet: Das Wissen darüber, dass du eigentlich keine Angst haben müsstest, kann absolut vorhanden sein. Und es ist auch gut, wenn du darauf zugreifen kannst. Aber allein mit diesem Wissen der Angst gegenüberzutreten und ihr zu erklären, dass sie irrational ist, hilft häufig nicht weiter. Denn bei der Angst kommt diese Botschaft nicht wirklich an.
Warum Wegmachen oft nicht funktioniert
Wenn es dir wie vielen meiner Klienten geht, möchtest du die Angst wahrscheinlich einfach nur weg haben. Verständlicherweise. Leider funktioniert das in den seltensten Fällen so, denn Druck erzeugt häufig Gegendruck.
Vielleicht kennst du das: Du bemerkst die ersten Anzeichen der Angst und versuchst sofort, irgendein Tool anzuwenden, damit sie wieder verschwindet. Manchmal mag das gelingen. Und manchmal eben nicht.
Und genau hier spielt deine Haltung eine Rolle. Wenn deine Haltung eher ist: „Ah, okay. Ich spüre Angst. Was brauche ich gerade?“ und du dann ein Tool anwendest, um dich zu versorgen und Selbstfürsorge zu betreiben, kann das gut funktionieren.
Wenn es aber eher aus einer Haltung heraus passiert wie: „Dich kann ich gerade überhaupt nicht brauchen. Los, weg mit dir!“ und du dann deine Atemübung machst und direkt danach panisch überprüfst, ob die Angst jetzt auch wirklich weg ist – und zwar ganz weg – dann ist das Ergebnis vermutlich schon wieder ein anderes.
Die Angst bekommt dadurch nämlich erneut die Botschaft: „Du darfst nicht da sein.“
Und vielleicht kennst du dieses innere Bild: Der kompetente Erwachsene ruft der Angst vom anderen Ende des Zimmers zu: „EIII! Das brauchst du doch gar nicht!“
Vielleicht ist genau das ein Teil des Problems.
Denn hinter dem Gedanken „Ich weiß doch, dass die Angst irrational ist – warum ist sie noch da?“ steckt häufig auch: „Ich will sie endlich weghaben.“ Vielleicht verurteilst du dich sogar dafür. Die Angst nervt.
Und bitte versteh mich nicht falsch: Ich meine das nicht wertend. Ich konnte nur immer wieder die Beobachtung machen, dass diese Haltung die Angst nicht unbedingt dazu bringt, abzuklingen.
Also komm, versuchen wir es einmal anders.
Was wäre, wenn du ihr einmal zuhörst?
Was sagt sie?
Sie darf sagen, was sie sagen möchte. Du lässt sie einmal da sein. Und du hörst einfach zu.
Nimm dir vielleicht einen Tee. Setz dich neben sie. Frag sie, was sie trinken möchte, und macht es euch ein bisschen gemütlich. Und dann frag sie: „Wovor hast du Angst?“
Lass sie einmal sprechen. Hör ihr aufmerksam zu. Versuch es mit einem offenen Herzen.
Und während du ihr einfach nur zuhörst und allem, was sie zu sagen hat, Raum gibst, kannst du danach vielleicht sagen: „Okay. Ich höre dich. Und ich sehe dich.“
Ich höre dich. Ich sehe dich.
Stell es dir einmal bildlich vor: Die Angst sitzt schön breit in der Mitte des Sofas. Und sie fühlt sich verängstigt. Was auch sonst.
Und jetzt passiert etwas Entscheidendes. Du lässt die Angst einmal da sein. Sie übernimmt dich nicht. Du gehst in Kontakt mit ihr und schaffst gleichzeitig ein wenig Abstand.
In der Psychologie spricht man an dieser Stelle unter anderem von Externalisierung: Die Angst wird nicht mehr als „Ich“ erlebt, sondern als etwas, mit dem du in Beziehung treten kannst. Du erforschst sie. Du hörst ihr erst einmal zu.
Vielleicht möchte die Angst dir etwas sagen
Wenn du so dasitzt mit deiner Angst und ihr lauschst, kannst du sie vielleicht noch etwas anderes fragen: „Was brauchst du?“
Und vielleicht kommt etwas.
Manchmal möchte die Angst einfach gesehen und gehört werden. Manchmal braucht sie eine Umarmung. Etwas Ruhe. Mehr Sicherheit. Vielleicht braucht sie etwas ganz anderes.
Hör einfach einmal hin.
Und vielleicht kommt auch bei dir ein Impuls. Was möchtest du jetzt tun? Würdest du die Angst gerne an die Hand nehmen? Würdest du ihr gerne eine feste Umarmung geben? Möchtest du ihre Hand streicheln? Magst du ihr liebe Worte sagen und ihr bekräftigen, dass du sie verstehst und für sie da bist?
Seid einmal ein bisschen beieinander. Lerne sie kennen. Nicht mit dem Ziel, sie sofort wegzubekommen. Sondern einfach, um zu verstehen, was da gerade in dir passiert.
Und vielleicht darf sich genau dadurch etwas beruhigen. Vielleicht fällt ein bisschen Druck ab.
Ein kleiner Perspektivwechsel für das nächste Mal
Wenn du dich das nächste Mal bei dem Gedanken erwischst: „Mann, wieso ist die Angst noch immer da, obwohl ich schon so viel weiß? Obwohl ich doch weiß, dass sie irrational ist?“, dann geh einmal einen Schritt zurück. Nimm dir ein bisschen Zeit.
Und versuche, von „Warum ist sie noch da?“ zu „Hey. Was hast du mir zu sagen?“ und vielleicht sogar zu „Hey. Was brauchst du gerade?“ zu kommen.
Vielleicht nimmst du die Angst dann gedanklich wieder ein Stück in den Arm. Nicht, damit sie möglichst schnell verschwindet. Sondern damit ihr vielleicht irgendwann ein Team werden könnt.
Und ganz vielleicht darf sich die Angst ein kleines bisschen beruhigen, wenn sie merkt: Ich werde gesehen. Ich werde gehört. Ich muss hier nicht alleine kämpfen.



